Die Globalisierung des Ungefähren
Hubert Erb 05.08.2001
Warum man über diffuse Begriffe genauer nachdenken sollte
Der unselige Begriff Globalisierungsgegner wird mittlerweile ebenso
inflationär wie unreflektiert benutzt. Der Tod in Genua hat zusätzlich
einen Sog hin zu hysterischer Solidarisierung ausgelöst, der notwendige
und rationalere Diskurse einzuebnen droht. Die Spaßpolitiker der Love
Parade kümmert das alles ohnehin nicht
Face the Future, it`s never easy" ("The Survivors", Pet Shop Boys
1996)
Das Faszinosum Tod, es hat dem Spektakel in der norditalienischen
Hafenstadt den entscheidenden Kick verpasst. A Star was born, ein
Märtyrer, wie er im Buche steht und im katholischen Italien beliebt
ist. Eigentlich habe Carlo Giuliani ja an dem schicksalshaften Julitag
baden gehen wollen, hieß es. Aber dann sahen in einem Einsatzwagen
eingeschlossene und von mehreren Angreifern bedrohte junge Polizisten,
wie der verhinderte Badegast Giuliani plötzlich mit einem Feuerlöscher
[0] auf sie zustürmte. Hmmm, möglicherweise wollte er als fanatischer
Nichtraucher nur die Zigarette eines nervösen Wageninsassen löschen
oder vielleicht auch mit Sonnenstich nur eine spontane kleine
Rave-Schaum-Party veranstalten oder den vom Trottoir aufgelesenen
Löscher bei den Beamten als Fundsache abgeben.
Aber der 20-jährige Polizist wählte natürlich die falsche Quizantwort
und dachte: der will mich damit umbringen oder zumindest schwer
verletzen. Und so zog er in einer Kurzschlussreaktion seine Waffe und
schoss. Auf den vorliegenden Pressefotos [1] war zu sehen, dass es
durch das kleine Wagenfenster auf kurze Distanz kaum möglich gewesen
sein konnte, auf ein Bein zu zielen, was offiziell nach
Polizeiausbildung verhältnismäßig gewesen wäre. Der junge Beamte (kein
stilisierter John-Woo-Killer) zielte sicherlich notgedrungen auf einen
Arm und schoss daneben. In den Kopf. Und so ging der Mann mit dem
Feuerlöscher doch noch baden.
Sowas zu schreiben ist natürlich zynisch. Aber es wirkt beispielsweise
auch zynisch, immer von AktivistInnen und DemonstrantInnen zu reden,
nie von PolizistInnen und SoldatInnen. Und es scheint, dass langsam so
gut wie jede noch so gewalttätige Aktion als vorbeugende Notwehr gegen
die behelmten Menschen in Uniformen interpretiert wird. Gegen die
verhassten Büttel der "Globalisierung", die alle wie Dirty Harry mit
gezückter Waffe herumlaufen und "Make my Day, Globalisierungsgegner"
raunzen. Fragt sich nur, warum sich da so viele so heftig angesprochen
fühlen.
Kurze Rückblende: nach 1989 hatten viele gedacht, das Leben sei
gelaufen. Man richtete sich wehmütig in seiner kleinen linken Idylle
ein und hängte sich verstockt eine DDR-Fahne in die gute Stube. Vor
allem taten das Leute, die freiwillig nie in die real existierende DDR
gefahren wären. Honni soit qui mal y pense, sozusagen. Nur im
virtuellen Raum taten sich im Laufe der 90er durch den Aufstieg des
Microsoft-Imperiums neue Schlachtfelder auf, auf denen man versuchen
konnte, dem allmächtigen Kapitalismus die immer höher werdende Stirn zu
bieten. Aber der vor ein paar Jahren geprägte Slogan, dass die
Computermaus die Waffe einer neuen Guerilla sei, war für die Medien
wohl doch zu modernistisch, zu abstrakt gedacht.
Dann kam das Fin de Siecle und die Schlacht von Seattle anlässlich der
WTO-Konferenz Ende 1999. Und endlich rappelte es wieder im Karton,
endlich war der Feind wieder fassbar, nämlich am Uniformaufschlag. Haut
die Bullen platt wie Bigmac-Stullen, revisited. Ergraute Che-Guevaras
und rastabezopfte Neopunker berauschten sich an der Wiedergeburt der
Opposition auf den Barrikaden von Grunge-City und wurden in den
kritischen Medien groß herausgeputzt. Dass es bei dieser Konferenz ja
um tatsächlich sehr wichtige geplante Schurkereien [2] ging, die mit
den Protesten verhindert werden konnten, ging in den romantischen
Kriegsberichterstatter-Reportagen fast unter. Wichtig war, wieviele
Scheiben wie schnell zu Bruch gegangen waren. Von nun an setzte sich
eine aus vielen Nationalitäten zusammengesetzte Menschenmenge in
Bewegung und macht seitdem Wallfahrten um den Globus, den Tagungsorten
der Mächtigen nach. Eigentlich doch eine globale Aktion. Eine Folge der
Globalisierung? Wer ist da gegen was? Die äußerst heterogene Masse, die
sich neulich in Genua versammelte und mit der Bezeichnung
"Globalisierungsgegner" einfach über einen Kamm geschoren wird, reichte
von Anarchosyndikalisten über Dritte-Welt-Aktivisten bis zu
katholischen Wertkonservativen. Waren linksradikale Trotzkisten nicht
eigentlich die ersten Propagandisten einer Globalisierung?
Es ist irreführend, Demonstrationen gegen die Beratungen von acht
nationalen Staatenlenkern in Genua einfach als Aktivismus gegen einen
diffusen Globalisierungsprozess zu lesen. Bush, Blair, Berlusconi und
Kollegen sind nicht die Herren der "Globalisierung". Sie sind
(abgesehen von Berlusconi) nicht die Herren über das weltweit agierende
Großkapital. Die globalen Probleme, die ungehemmter Kapitalismus
schafft und die Urheber der Probleme müssen schon präziser analysiert
und benannt werden. Das Internet und die Fernreise sind auch ein Teil
der Globalisierung. Ohne Differenzierungen geht es nicht! Jede
Open-Source-Veranstaltung ist daher tatsächlich nützlicher als die
Räuber-und-Gendarm-Spiele der "Schwarzen Overalls". Es gibt heute
Schlachtenbummler, die Polizisten berufsmäßig mit Pflastersteinen und
Stangen attackieren und solche, die den anderen dabei wohlwollend
zusehen. Gemeinsam ist ihnen der Glaube, sie spielten einen besonders
echten Multiplayer-Level eines Computerspiels wie Counter-Strike [3]
oder stünden mitten in einem Film. Nur besteht das Blut der Gegner
nicht aus Pixeln und die Munition in deren Waffen ist real und scharf.
Für Carlo Giuliani gab es keinen Respawn.
Natürlich war, um das nicht zu vergessen, der brutale Überfall der
Polizeieinheit auf die Schlafenden in ihrem Hauptquartier völlig
überzogen und offensichtlich kriminell. Berlusconi ist tatsächlich so
etwas wie der neue Duce (in Tateinheit mit einem italienischen
Hugenberg) und damit sicherlich das, was ein Haider gerne geworden
wäre. Über die finsteren Aktivitäten des italienischen Medienmoguls,
der ohne jegliche politische Inhalte gewählt wurde, würde man gerne
mehr Pointiertes lesen. Mag sein, dass Berlusconi die Razzia und
berichtete Folteraktionen selbst angeordnet hat, obwohl das erst einmal
zu beweisen wäre. Aber selbst dann sind Demonstrationen unter einem
Banner, das wolkig. "Ich bin gegen Globalisierung" sagt, keine Hilfe.
Besser wäre beispielsweise "gegen Berlusconisierung". Anfang der 80er
brabbelten Demonstranten nämlich schon einmal genauso ungefähr, sie
seien "für den Frieden". Herauskam dabei das revolutionäre Sitzen für
den Frieden, Singen für den Frieden, Stricken für den Frieden,
Auto-ohne-Katalysator-fahren für den Frieden undsoweiter.
Und es ist ziemlich fatal, gegen bildungsbürgerliche Talkshow-Ekel mit
Designerkrawatten einen Wischiwaschi-Spaßpolitikbegriff ins Feld zu
führen. Die Love Parade [4] ist als politische Demonstration ein
genauso falscher Mythos wie Woodstock oder das Oktoberfest. Gut, dass
das Land Berlin daher endlich gegen die gepiercten Wildschweine
vorgegangen ist, die den ehedem schönen Tiergarten mit ihrer
Love-Kotze, Love-Scheiße und Love-Pisse wiederholt verwüstet, die halbe
Stadt zugemüllt und den Bürger dafür zahlen haben lassen. Der
Hauptverantwortliche Dr. Motte [5] alias Matthias Roenigh darf dafür
jetzt selbst mal zahlen, und das ist auch gut so. Für seine
"politischen" Schlussansprachen an der Siegessäule, die sich seit jeher
auf dem Niveau eines entrückten Gurus bewegen, sollte er sich außerdem
langsam in Dr. Klamotte umbenennen. Aber ganz so harmlos ist ein Guru
auch wieder nicht. In einer TV-Reportage war am letzten Mittwoch zu
sehen, wie ein sogenannter Technischer Leiter und eine andere
Aufseherin der Love Parade GmbH (sic!) den Zusammenbau und die
Anmeldung der Umzugswagen am Tag vor dem Spektakel beaufsichtigten.
Antworten auf Fragen des Kamerateams wurden mit Verweis auf einen
Maulkorb von oben generell verweigert. Schließlich wurde das
Reporterteam ohne Angabe von Gründen vom Gelände gejagt. Das erinnerte
einen doch stark an manche Berichte, die BRD-Journalisten seinerzeit in
der DDR zu machen versuchten.
So sehen die Profiteure der Spaßpolitik in Wirklichkeit aus. Wer
ernsthaft glaubt, dass ein aus dem Kaffeesatz der freien deutschen
Jugend herausgelesener, irgendwie neuer lockerer Politikbegriff
irgendwas Subversives bewirkt, bloß weil die Republik jetzt vom
spannenden (gähn) Berlin aus regiert wird, der ist auf dem Holzweg. Und
der hat auch leider den Paradigmenwechsel von Kohl/Lafontaine/Gerhardt
zu Schröder/Fischer/Westerwelle immer noch nicht begriffen. Wer hoch
auf dem bunten Wagen rumzuckt, der findet es endgeil, dass die Angie
Merkel mit dem flotten Westerwelle (war mal Gaststar im
BigBrother-Haus) im Cabrio spazierenfährt, wenn ein Autoverleih ihr als
Werbegag eine Windstoßfrisur angehängt hat. Und im jetzt-Magazin war
neulich zu lesen, dass ein polnischer Jugendlicher im deutschen
Fernsehen am liebsten die Reportagen von RTL2 sieht, wo "deutsche
Jugendliche vom Balkon kotzen. Je blöder, desto besser". Sogar Polen
lacht also schon über uns. Trübe Aussichten mitten im Hochsommer.
Links
[0] http://de.news.yahoo.com/010801/71/1t9av.html
[1] http://de.news.yahoo.com/010801/71/1t9av.html
[2] http://gw.eduhi.at/programm/dehmer/links/wto.htm
[3] http://www.counter-strike.net
[4] http://www.loveparade.de/start.html
[5] http://www.drmotte.de
Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/9226/1.html
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