----- Original Message -----
From: "BLUE 21 (Thomas Fritz)" 
To: "Finanzmarkt Netzwerk" ;
"Finanzmarkt-Berlin Netzwerk" 
Sent: Monday, July 23, 2001 8:42 PM
Subject: [attac-d] taz-Kommentar


> Eine Nachricht der Mailingliste des ATTAC-Netzwerks
> zur demokratischen Kontrolle der Finanzmaerkte
> --
>
> Entschuldigung für eventuelle Doppelsendungen
>
> Liebe Leute,
> anbei ein erholsamer Kommentar zur Gewaltdebatte aus der heutigen taz.
> Gruß, Thomas Fritz
>
>
> Scheinheilige Gewaltdebatte
>
> Politische Gewalt mag nicht legitim sein, aber die Erfahrung lehrt: Sie
> ist nützlich.
> Sie mobilisiert soziale Bewegungen - und zwingt die Mächtigen zum
> Zuhören
>
> Die Gewalt der Polit-Hooligans schadet den berechtigten Anliegen der
> Globalisierungskritiker. So in etwa lauten in diesen
> Tagen die Kommentare zu den Ausschreitungen rund um den G-8-Gipfel in
> Genua. Sie sind scheinheilig. Denn ohne die
> spektakulären Bilder brennender Autos, verletzter Demonstranten und
> schießender Polizisten hätten die bürgerlichen Medien
> den politischen Anliegen der Globalisierungskritiker in ihrer
> Berichterstattung kaum nennenswerten Raum eingeräumt, hätte die
> Frage "Wem gehört die Welt?" es nicht auf den Titel der jüngsten Ausgabe
> des Spiegels geschafft.
>
> Unsinn?! Wer, bitte schön, hat sich für die fünfzig Prozent arbeitsloser
> Heranwachsender asiatischer Herkunft im nordenglischen
> Bradford interessiert, bevor sie sich nächtelang Straßenschlachten mit
> der Polizei geliefert haben? Oder für die Opfer der
> Globalisierung in den französischen Vorstädten? Hätten sie lediglich
> Petitionen und Resolutionen verfasst, wäre über keine
> dieser Gruppen in den Abendnachrichten gleichberechtigt neben den
> jüngsten Börsennachrichten berichtet worden.
>
> Die Erfahrung lehrt, politisch motivierte Gewalt ist durchaus nützlich.
> Sie weitet den Horizont der Bürger und lenkt ihren Blick
> über den Rand eigener Befindlichkeiten und Interessen. Und sie befördert
> die Durchsetzung politischer Anliegen.
> Bundesaußenminister Joschka Fischer ist derzeit das wohl populärste
> Beispiel, wie weit man kommen kann, wenn man es
> versteht, Gewalt zum richtigen Zeitpunkt, richtig dosiert und
> zielgerichtet einzusetzen. Ohne Straßenscharmützel, ohne
> schlagkräftige Putzgruppe, ohne die Seilschaften der ehemals militanten
> Mitstreiter hätte Fischer es ungleich schwerer gehabt,
> zunächst in der Frankfurter Spontiszene, später dann bei den Grünen die
> Nummer eins zu werden.
>
> Gewalt mag kein legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele
> sein, aber zur Mobilisierung sozialer Bewegungen hat sie
> stets viel beigetragen. Die Studentenbewegung der Sechziger-, die
> Antiatomkraftbewegung der Siebziger-, die
> Hausbesetzerbewegung der Achtzigerjahre, aber auch die rechtsradikale
> Jugendszene Ostdeutschlands - sie alle wurden erst
> nach Tabuverletzungen mittels Gewalt zu breiten Bewegungen.
>
> Die Aufspaltung, hier die verantwortungslosen Gewalttätigen, dort die
> friedlichen Demonstranten mit wichtigen und richtigen
> Anliegen, verkennt die Dynamik sozialer Bewegungen. Zum Beispiel hätte
> die Fraktion der mehr oder weniger friedlichen
> Verhandler während der Berliner Hausbesetzungen aufseiten der
> Herrschenden schwerlich einsichtige Gesprächspartner
> gefunden, hätten die Nichtverhandler während der Demonstrationen nicht
> regelmäßig Sachschäden in Millionenhöhe
> hinterlassen.
>
> Auch die Anti-AKW-Bewegung hat enorme Schubkraft aus den
> bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen um die
> Bauplätze in Grohnde und Brokdorf bezogen. Es waren Initialzündungen,
> die die Bewegung nicht spalteten, sondern erst zu
> einer Kraft formierten, auf deren Basis Peaceniks und
> Birkenstockfraktion ihren langen Marsch bis hin zum Atomkompromiss
> antreten konnten.
>
> Wir reden hier nicht über Terrorismus, sondern über Gewalt im Kontext
> sozialer und politischer Proteste. Und für die gilt
> zweierlei. Erstens: In der Regel richtet sie sich nicht gegen
> unbeteiligte Menschen, und die eingesetzten Gewaltmittel werden im
> Vorfeld intensiv und kontrovers diskutiert. (Eine Ausnahme bilden rechte
> Bewegungen.) Zweitens: Die Gewalt bricht selten
> plötzlich aus, sondern hat meist einen jahrelangen Vorlauf. In dieser
> Zeit haben die Politik und Teile der Gesellschaft, die die
> Deutungsmacht innehaben, offenkundige Probleme erfolgreich verdrängt.
> Wenn der britische Premierminister Tony Blair
> überrascht feststellt, er wisse gar nicht, was an der Globalisierung
> schlecht sei und wogegen die Menschen demonstrieren, kann
> das eigentlich nur eines bedeuten: Die Kämpfe gehen weiter.
>
> EBERHARD SEIDEL
>
> Fotohinweis: Eberhard Seidel leitet das Inlandressort der taz
>
> taz Nr. 6503 vom 23.7.2001, Seite 11, 133 Kommentar EBERHARD SEIDEL,
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