Ein neuer "Global Player"?
Möglichkeiten und Grenzen der G-8-Außenminister
Die G-8: Längst ist dieses Etikett ein Synonym für die Gruppe von Staaten geworden, die
sich im Konzert der Mächte eine besondere Verantwortung für zunächst wirtschaftliche
und dann auch politische Stabilität in dieser Welt auferlegt haben.1 Seit sie sich 1975 in
Rambouillet – damals waren es noch sechs Staaten (ohne Kanada und Russland) – erstmals
trafen, sind umgekehrt auch die Erwartungen der Welt an diese Gruppe gewachsen,
insbe-sondere dort steuernd ein- und neue Themen aufzugreifen, wo in Ermangelung einer
"Weltregierung" oder zumindest einer effektiveren Organisation der Vereinten Nationen
(UN) Handlungsdefizite bestehen. Andere wiederum, und darunter nicht selten die, die sich
bislang vergeblich um Aufnahme in den prestigebeladenen Kreis bemüht haben, werfen
den Acht vor, sich ohne demokratische Legitimierung oder auch ohne Mandat Befugnisse
angemaßt zu haben, die nur dem UN-Sicherheitsrat zukommen.
Die G-8 selbst haben solche Hoffnungen bzw. Befürchtungen stets zurückgewiesen. Sie
wollen sich nicht einmal in die Nähe einer Rolle gedrängt sehen, die als Vorstufe einer
"Weltregierung" oder zumindest als "encompassing coalition of major States" gewertet
werden könnte, selbst wenn die Notwendigkeit global abgestimmten Handelns in unserer
sich globalisierenden Welt unumgänglicher scheint denn je.
Spätestens seit der deutschen Präsidentschaft 1999 haben diese Diskussionen jedoch neue
Nahrung erhalten. Die G-8, und hier zuallererst die Gruppe der acht Außenminister,
stellten damals unter Beweis, dass ihre Treffen nicht nur dem Diskutieren, Appellieren und lockerem Verabreden dienen, sondern sehr wohl auch konkrete, operative Politik zum
Gegenstand haben können.
"Erlösung um 21.04 Uhr" meldete die Presse ebenso erleichtert wie anerkennend aus Köln,
wo die G-8-Außenminister in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1999 mit der Formulie-rung
des Entwurfs einer Resolution des UN-Sicherheitsrats das Ende des Jugoslawien-Krieges
herbeigeführt hatten. Die Aushandlung eines Friedensplans für Kosovo durch die
Außenminister der Acht hatte die Welt aufhorchen lassen und ihre Aufmerksamkeit auf
dieses Forum gelenkt.
Auch im diesjährigen Treffen der G-8-Außenminister, das am 12. und 13. Juli in Miyazaki
(Japan) stattgefunden hat, sehen die Medien Substanz und neue Ideen: "G-8 entwerfen Plan
zur Konfliktverhütung".
Von den "kleinen Gipfeln" der Chef-Außenpolitiker der sieben größten Industriestaaten
und Russlands gehen zunehmend wichtige politische Anstöße aus. In Miyazaki, kurz vor
dem 26. Wirtschaftsgipfel der G-8-Staats- und Regierungschefs auf Okinawa (21.-23. Juli
2000), verabschiedeten die Außenminister in Umsetzung ihrer grundlegenden Beschlüsse2
von Berlin (16./17. Dezember 1999) ein operativ angelegtes Rahmenkonzept zur Konflikt-prävention.
Die Entwicklung von Strategien zur Verhütung gewaltsamer Konflikte,
angestoßen von Bundesaußenminister Joschka Fischer, ist zum Markenzeichen der G-8
geworden.
Verfolgen also die G-8-Außenminister gezielt eine "neue Agenda"? Wollen sie als "neue
globale Spieler" auftreten? Ein Blick auf die Entstehung, Struktur und Arbeitsweise der Acht dürfte hier Klarheit bringen.
Von den G-7 zu den G-8
Vor allem die Notwendigkeit zur Koordinierung weltwirtschaftlicher, währungs- und
finanzpolitischer Prozesse hatte die Staats- und Regierungschefs der großen demokra-tischen, hochentwickelten Industrienationen Deutschland, Frankreich, Großbritannien,
Italien, Japan und den Vereinigten Staaten erstmals im Jahr 1975 zusammengebracht. 1976
schloss sich Kanada an – die "G-7" waren geboren. Sie wurden fortan zum Synonym für
die "Weltgipfeldiplomatie" schlechthin.
Dass 1977 die Europäische Gemeinschaft (EG), vertreten durch die Kommission, in Aner-kennung ihrer wirtschafts- und handelspolitischen Zuständigkeiten hinzukam, änderte
nichts an der Zählung der Mitglieder: die EG sollte ihr Gewicht beratend da einbringen, wo
sie auch in Brüssel für die Gemeinschaft sprach.
Wenn sie auch nicht "mitgezählt" wird, so hat die Europäische Union (EU) heute doch
einen quasi gleichberechtigten Status, mit leichten Einschränkungen im außen- und sicher-heitspolitischen Bereich. Doch dies könnte sich ändern, denn seit der Schaffung der neuen
Institution des "Hohen Repräsentanten" im Jahr 1999 sitzt auf Vorschlag der damaligen
deutschen G-8-Präsidentschaft neben dem Kommissionsvertreter Chris Patten auch Javier
Solana mit am Tisch
Zu den G-8 transformierten sich die G-7 mit dem stufenweisen Hineinwachsen des neuen
Russlands. Vor allem die USA, aber auch einige Europäer sahen die politische Notwendig-keit,den demokratischen Nachfolgestaat der Sowjetunion weltwirtschafts- wie friedenspo-litisch einzubinden und dem Land auch einen gebührenden Platz in der einflussreichen3
weltpolitischen Struktur der G-7 einzuräumen. Nahm Präsident Boris Jelzin am Tokio-Gipfel
1993 noch als Gast eines Sondertreffens mit den sieben Staats- und Regierungschefs
teil ("G-7 plus 1"), führte die wachsende russische Beteiligung ab Neapel 1994 schon zur
Bildung der "P-8" ("Politischen Acht"). Denver im Jahr 1997 schließlich wurde zum
Geburtsort der G-8: Russland nimmt seither an allen G-8-Treffen als gleichberechtigtes
Mitglied teil und bekennt sich zur gemeinsamen Wertordnung der Acht.
Denver bedeutete allerdings nicht das Ende der G-7: die eigentlichen "großen" Industrie-länder tagen in diesem Format, vor allem im Kreis der Finanzminister sowie der Noten-bankchefs, auch weiterhin zu spezifisch wirtschafs-, währungs- und finanzpolitischen
Fragen ohne Russland. Den G-8-Gipfeln der Staats- und Regierungschefs ist ein kurzes G-7- Gipfeltreffen vorgeschaltet. Russland ebenso wie die G-7-Partner akzeptieren diese
Lösung, nicht zuletzt aus der Einsicht heraus, dass Russland auf absehbare Zeit eines der
"Sorgenkinder" der G-7 bleiben wird.
Die Aufnahme Russlands hat nicht nur die Integration dieses großen und wichtigen Landes
sichergestellt und Moskau eine angemessene Mitwirkungsmöglichkeit gesichert, die es
kooperativ und konstruktiv nutzt. Mit dem Übergang von den G-7 zu den G-8 haben sich
auch der Charakter, die Themen und die Arbeitsweise verändert. Die G-8 sind noch politi-scher geworden, enger orientiert am globalen krisenhaften Tagesgeschehen. Außen- und
sicherheitspolitische Themen haben auf Grund der bitteren Erfahrung der Völkergemein-schaft,in zunehmendem Maße gewaltsame Konflikte vor allem innerhalb von Staaten
schlichten zu müssen (Bosnien, Kosovo, Ost-Timor), an Bedeutung gewonnen. 1999 haben
sie ohne Zweifel den G-8-Prozess dominiert und selbst den Kölner Wirtschaftsgipfel über-schattet. Automatisch ist damit den Außenministern der G-8 eine neue, stärker operative
Rolle zugewachsen.
Strukturen und Arbeitsweise der G-8 sind Außenstehenden und auch der politikwissen-schaftlichen Analyse weitgehend entzogen geblieben. Was sind die G-8 eigentlich? Hatten
sich zunächst nur die Staats- und Regierungschefs einmal jährlich getroffen, so wurde mit
der Aufnahme immer neuer Themenfelder (Energieversorgung, Entwicklungspolitik und
Schuldeninitiativen, Umwelt und Weltklima, Terrorismus und internationale Kriminalität,
strukturelle Wirtschaftskrisen im Bereich der ehemaligen Sowjetunion, Afrika und Asien)
eine arbeitsteilige Vorbereitung der Gipfel unausweichlich. Neben den Staats- und
Regierungschefs treffen sich heute regelmäßig die Außen- und Finanzminister, aber auch
die Innen-, Umwelt- und Entwicklungsminister. Während die Finanzminister im G-7-
Format schon früh selbständige Treffen durchgeführt haben, mit eigener Agenda und
inhaltlicher Ausgestaltung der Wirtschaftsgipfel, "verselbständigten" sich die G-8-
Außenminister erst nach Denver 1997, ausgelöst durch die neue Vollmitgliedschaft
Russlands sowie das starke Anwachsen außenpolitischer Aufgaben, die an die Acht
herangetragen wurden.
Für die hervorgehobenere Rolle der Außenminister ist aber auch das veränderte Themen-interesse ausschlaggebend, das nicht mehr allein auf wirtschafts-, währungs- und finanz-politische Fragen beschränkt ist. Vielmehr wird die Notwendigkeit gesehen, sich zu allen
Fragen zu äußern, die für "Modernes Regieren im 21. Jahrhundert" 5 als wesentlich erach-tet
werden. In London 1998 bestritten die Außenminister erstmals ihren eigenen "Gipfel",
gefolgt 1999 von Köln und in diesem Jahr von Miyazaki. Unter britischer Präsidentschaft,
die sich mit Nichtverbreitungsfragen im Zusammenhang mit den indischen und pakistani-schen Nukleartests sowie der Russland-Hilfe befasste, sowie der deutschen Präsidentschaft,
die Problemen Kosovos, dem Stabilitätspakt und der Krisenprävention gewidmet war,
führten die G-8-Außenminister erstmals eine Reihe von Sondertreffen durch, die die
operative Lösung konkreter außen- bzw. sicherheitspolitischer Probleme zum Ziel hatten.
Die ganzjährigen G-8-Präsidentschaften und Gipfeltreffen werden vor allem von den
"Sherpa"-Stäben und den Stäben der Politischen Direktoren vorbereitet. Die Sherpas sind
in der Regel in den Apparaten der Staats- und Regierungschefs verankert, in einigen Fällen
auch in den Außenämtern. Sie konzentrieren sich auf die Vorbereitung und Durchführung
der Weltwirtschaftsgipfel und machen im ersten Halbjahr einer jeden Präsidentschaft
Vorschläge für die jeweilige "Gipfelphilosophie". Bei der Erarbeitung der inzwischen recht
umfangreichen Gipfelkommuniqués stützen sie sich bei den wirtschafts-, finanz-,
entwicklungs- und umweltpolitischen Themen auf Mitarbeiter aus den Außen-, Finanz-oder Wirtschaftsministerien.
Die Politischen Direktoren sind in den Außenministerien beheimatet und leiten dort die
zentralen Politischen Abteilungen. Sie kennen sich aus der Zusammenarbeit in EU, NATO
und OSZE sowie von regelmäßigen außen- und sicherheitspolitischen Konsultationen,
auch mit Japan. Ihnen obliegt die Vorbereitung und Durchführung der Treffen der G-8-
Außenminister, die beispielsweise die außen- und sicherheitspolitischen Passagen der
Kommuniqués der Staats- und Regierungschefs (im Wesentlichen zu aktuellen Krisenre-gionen)
vorschlagen. In regelmäßigen Vorbereitungssitzungen entsteht auf diese Weise die
vielschichtige Politik der Acht.
Immer wieder ist die Schaffung eines Sekretariats oder gar eines "Hauptquartiers" erwogen
Die Acht machen Politik nicht auf der Basis eines schriftlich festgelegten Regelwerks,
sondern auf gegenseitigem Verständnis und durch Verabredungen, selten durch "Beschlüsse". Sie entfalten ihre Wirkung primär über (zum Teil umfangreiche und
detaillierte) Kommuniqués und Presseerklärungen. Das Konsensprinzip führt zwar häufig nur zu dem "kleinsten gemeinsamen Nenner", angesichts des enormen Gewichts und
Einflusses der Acht als Gruppe entfalten diese Positionen im internationalen System aber
nicht selten richtungsweisende Kraft.
Konkurrenz zur UN?
Die G-8 repräsentieren keinen klar definierten, abgegrenzten geographischen Raum, sind
also keine klassische Regionalorganisation wie etwa die EU, die NATO, die OSZE, die
OAU oder ASEAN. Sie sind global ausgerichtet, aber nicht repräsentativ: weder sind alle
Kontinente berücksichtigt noch alle politischen Kraftzentren, die sich bis zum Beginn
dieses Millenniums herausgebildet haben. Weit wichtiger noch: Die G-8 haben weder
Rang, Mandat noch die moralische Kompetenz der UN. Dennoch scheint ihnen mehr und
mehr die Rolle zumindest eines "Standby-players" für politische wie wirtschaftlich-finanzielle
Krisen zuzuwachsen. Bei gewaltsamen Konflikten schaut die Welt schon längst nicht mehr nur nach New York: Von den Außenministern der Acht erwartet man Stellung-nahmen,
Ermahnungen an die Konfliktparteien und schließlich konkrete Beiträge zum Management von Konflikten und zu ihrer Beilegung.
Dahinter steht nicht nur der Verdruss über Schwächen des UN-Systems, wie die
ausbleibenden Reformen, einschließlich des hauptverantwortlichen Sicherheitsrats. Es
besteht einfach Bedarf an Akteuren, die weltweit zur Stabilität wie zum Management des
Millennium-Projekts "Globalisierung" beitragen können. Die G-8 haben zwar keineswegs
eine elitär-hegemoniale Ordnungsrolle; ein "Direktorat" wollen sie nicht sein. Sie sind
jedoch, wie auch einige rein regional operierende Organisationen, dem UN-System an
Realitätssinn, Effizienz und Flexibilität überlegen. Für den Haupttypus gegenwärtiger
Krisen (innerstaatliche schwerste, systematische Menschenrechtsverletzungen) wie für die
Lösung neuer globaler Problemstellungen (z.B. Cybercrime, nukleare Sicherheit und
moderne Krisenprävention) scheinen sie nicht selten komparative Vorteile zu haben.
Diese Krisen und Probleme dulden keinen langen Aufschub mehr: die menschliche Sicher-heit hat hohe Priorität. Lösen die Vereinten Nationen sie nicht, sind andere in Frage
kommenden Spieler gefordert: die G-8 und die Regionalorganisationen. Das Privileg des
Sicherheitsrats, dem die Mitglieder "die Hauptverantwortung für die Wahrung des
Weltfriedens und der internationalen Sicherheit" übertragen (Art. 24 der Charta), wird, da