----- Original Message -----
From: "BLUE 21 (Thomas Fritz)" 
To: "Finanzmarkt Netzwerk" ;
"Finanzmarkt-Berlin Netzwerk" 
Sent: Monday, July 23, 2001 2:48 PM
Subject: [attac-d] Nach Genua


> Eine Nachricht der Mailingliste des ATTAC-Netzwerks
> zur demokratischen Kontrolle der Finanzmaerkte
> --
>
> Liebe Leute,
> nachfolgender Artikel von Angela Klein stammt von der
> indymedia-homepage. Er zeigt, dass der sog. "schwarze Block" in Genua
> unbehelligt von der Polizei randalieren konnte, sogar mit ihr
> kooperierte und zum Teil selbst aus Polizisten bestand. Damit wurden
> Vorwände geschaffen, die Demonstrationen als ganzes anzugreifen und zu
> kriminalisieren. Diejenigen, die vor Ort waren, können das bestätigen.
>
> Der Artikel hilft daneben zu verstehen, dass die gesteigerte Repression
> (von Ausreiseverboten über Angriffe auf linke Medien bis hin zum
> Schusswaffeneinsatz mit Todesfolge) auch eine Reaktion auf erste Erfolge
> der GlobalisierungskritikerInnen ist. So zieht z.B. das durch
> inhaltliche Kritik und gewaltlosen Protest erreichte Scheitern des MAI
> nunmehr die späte gewaltförmige Reaktion der Regierenden nach sich.
> Damit wird auch deutlich, dass die vielfach geäußerte Sorge, unsere
> inhaltlichen Botschaften würden durch "die Gewalt" überdeckt, erheblich
> zu kurz greift. Vielmehr ruft das Erstarken der
> globalisierungskritischen Bewegung mitsamt ihrer wohlbegründeten
> inhaltlichen Reformvorschläge eine staatliche Repression hervor, die
> schon jetzt nicht nur Militante trifft, sondern diese Bewegung selbst.
> Darauf muss ATTAC eine adäquate Antwort finden, welche Reformforderungen
> mit einer Kritik staatlicher Repression verbindet.
>
> Letzteres erfordert auch eine unmissverständliche Kritik an
> gewalttätigen DemonstrantInnen, die gemeinsam mit der Polizei die
> Möglichkeit zum friedlichen Protest untergraben. Soll der sog. schwarze
> Block aber selbst Adressat dieser Kritik sein, was sinnvoll wäre, so
> sind öffentliche Geißelungen verbreitet über die Presse allerdings ein
> denkbar schlechtes Medium.
>
> Thomas Fritz
>
>
>
> Hier der Artikel von Angela Klein:
>
> Das Ende des Dialogs
> Genoa Social Forum: Polizei prügelte bei G-8-Gipfel Offensivstrategie
> durch
>
> »Das Schwarz von diesem Schwarzen Block war das Schwarz der Faschisten,
> nicht das der Anarchisten.« Teresa Mattei, Abgeordnete der
> konstituierenden Versammlung der Italienischen Republik 1948, spricht am
> Sonnabend als eine der zahlreichen Augenzeugen auf der Pressekonferenz
> des »Genoa Social Forum« über den »Tag des zivilen Ungehorsams« am
> vergangenen Freitag.
>
> Die verschiedenen Netzwerke dieses Bündnisses hatten sich an diesem Tag
> an verschiedenen Plätzen der italienischen Hafenstadt verabredet, wo sie
> sich sammeln wollten, um von dort aus in kleinen Demonstrationszügen in
> die Nähe der gesperrten »roten Zone« zu kommen. Die Berichte über die
> Züge gleichen sich: Schwarz Vermummte, voll ausgerüstet mit Helmen,
> Schilden, Knüppeln, Gasmasken und Pflastersteinen mischen sich in den
> Demozug, verwüsten die Umgebung, setzen Geschäfte und Autos in Brand,
> hinterlassen eine Spur von Krieg. Wie auf ein Zeichen hin zieht die
> Polizei an den Punkten auf, wo die Schwarzen toben - und attackiert die
> friedlichen Demonstranten. Sie schießt scharfes Tränengas direkt auf die
> Menschen und rast mit leichten Panzern und Wannen in die Menge. Die
> einen bereiten die Aktionen der anderen vor. Die Polizei aber läßt die
> ersteren gewähren und geht mit Knüppeln und viel Gas, manchmal auch
> Gummigeschossen, auf die ausnahmslos friedlichen Demonstrierenden los,
> jagt sie wie die Hasen, macht auch vor Journalisten und Sanitätern nicht
> halt und schneidet ihnen die Fluchtwege ab. Geprügelt werden auch
> unbeteiligte Passanten, solche, die stürzen, am Boden liegen,
> davonrennen. Am Ende schießt sie scharf und tötet gezielt - natürlich im
> Demonstrationszug der Bewegung »Tute bianche«, auf die sie es schon die
> ganze Zeit abgesehen hatte, und die schon vor Wochen Razzien und
> Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen mußten. José Bové sprach auf
> einer Pressekonferenz von Bildern, die ihn an die Verhältnisse im
> Gazastreifen erinnerten, wo er vor zwei Wochen gewesen ist.
>
>  Am Sonnabend morgen hofft das Bündnis noch, die schiere Masse der für
> den Großprotest gegen den G-8-Gipfel geströmten Demonstranten werde für
> diesen Tag einen anderen Ablauf sichern. Diese Hoffnung erfüllt sich
> nicht. 200 000 Menschen strömen auf der Seepromenade von Osten her in
> die Stadt. An dem Punkt, wo die Demonstration vom Meer stadteinwärts
> einbiegt, tauchen kleine Gruppen von »Schwarzen« auf und verwüsten die
> Umgebung - das Zeichen für die Polizei anzugreifen. Die Hand-in-Hand-
> Strategie geht auf: die Demonstration wird in verschiedene Seitenstraßen
> abgedrängt, die Polizei setzt mit massiven Tränengasangriffen nach und
> zerstiebt sie in Dutzende von getrennt agierenden Gruppen. Das Ausmaß
> der Verwüstungen übertrifft das vom Vortag bei weitem.
>
>  Die Polizei gibt sich jetzt nicht mehr viel Mühe, ihre Zusammenarbeit
> mit dem Schwarzen Block zu verbergen: Hinter einem Haufen Containern in
> der Nähe des Polizeihauptquartiers wechseln Polizisten ihre Kleidung,
> von der Uniform in die schwarze Kluft. Der Senatsabgeordnete Gigi
> Malabarba hat bei einem Besuch der Verhafteten im Polizeiquartier
> gesehen, wie schwarz Vermummte in voller Montur und mit ihren Waffen
> seelenruhig in das Polizeiquartier spazierten und sich dort mit den
> Polizisten unterhielten, unter anderem auf französisch und deutsch.
>
>  In der Nacht zum Sonntag stürmt die Polizei das alternative
> Pressezentrum und schlägt die dort Schlafenden auf brutale und
> sadistische Weise zusammen. Auf der Bilanzveranstaltung des »Genoa
> Social Forum« ist die Einschätzung einhellig: Das Neue an Genua ist, daß
> die Polizei erstmals eine Offensivstrategie gesucht hat. Wer diese
> Aufmärsche gesehen hat, wußte, diese Polizei will nicht Ausschreitungen
> verhindern, sie hat es nicht auf bestimmte Teile der Demonstrationen
> abgesehen, sie kesselt nicht ein - sie will angreifen, die Existenz der
> Demonstration selbst angreifen, sie probt den Bürgerkrieg.
>
>  Mit dem Tag, als der G 8 begann, hörte der Dialog auf. Über das
> Geschehen bestimmte nur noch der Polizeiminister, und dessen Strategie
> lautete: mit Hilfe von Provokateuren Panik und Schrecken säen. Der
> Schweizer Soziologe Riccardo Petrella scheut in Genua nicht den
> Vergleich mit den Todesschwadronen.
>
>  Die Linie der Gewalt und der Kriminalisierung der Demonstranten zieht
> sich seit Göteborg über Salzburg und Barcelona wie ein roter Faden durch
> die Gegengipfel. Petrella erklärt die neue Linie mit den Erfolgen der
> Bewegung: »Uns ist es in den letzten Jahren gelungen, die
> Verantwortlichen für die globalen Zerstörungen zu delegitimieren. Wir
> haben zwei wichtige Erfolge erzielt: Wir haben das MAI verhindert und
> das Scheitern der Millenniumsrunde in Seattle sichtbar gemacht. Wir
> haben dem Gedanken Glaubwürdigkeit verliehen, daß Alternativen zum
> Bestehenden machbar sind. Sie aber können uns nicht als
> Verhandlungspartner behandeln. Mit uns verhandeln würde bedeuten, daß
> sie bereit sind, die neue Weltordnung und vor allem die US-amerikanische
> Hegemonie in Frage zu stellen. Ein Dialog ist deshalb nicht möglich. Sie
> können sich eine Legitimität nur noch mit Gewalt verschaffen, indem sie
> uns kriminalisieren.«
>
>  Angela Klein, Genua
>
>
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