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On 9 Jul 2001, at 3:47, Mr. wrote:
> Hallo!
>
> Hier drei Artikel aus der SZ über GATS udn Privatisierung von Bildung.
> Sind zwar weder besonders gut noch beziehen sie sich auf den
> G-8-Gipfel, aber es ist das erste Mal, dass ich das GATS überhaupt in
> der bürgerlichen Presse erwähnt finde (kleiner Tipp: Auf den Seiten
> der EU gibts von Herrschaftsseite aus auch einige interessante
> Informationen). Viele Grüße
>
> Berti
>
> BILDUNG UND BERUF Samstag, 7. Juli 2001
>
> Bayern Seite V1/21 / Deutschland Seite V1/21 / München Seite V1/21
>
> Ausbildung als Handelsware
>
> Geht es nach der Welthandelsorganisation WTO, wird der Markt für alle
> Dienstleistungen liberalisiert - auch für Bildungsangebote
>
> Wir befinden uns", sagt Philip Altbach, Lehrer im Dienst des Center
> for International Higher Education am Boston College, "inmitten einer
> echten Revolution. Einer Revolution, die das Potential hat, unser
> Verständnis von der Rolle der Universität tief greifend zu verändern."
> Über Revolutionen redet man schnell, vor allem im Zusammenhang mit der
> Informationstechnologie. Die "Rolle der Universitäten" allerdings
> scheint auf den ersten Blick ein eher akademisches Thema zu sein. Ist
> es aber nicht: Kritiker befürchten, dass die Bildungssysteme der
> europäischen Staaten durch vorgestanzte Produkte einer globalen
> Erziehungs- Industrie ersetzt und platt gemacht werden sollen.
>
> Auf dem World Education Market 2001 in Vancouver wurde deutlich, dass
> Bildung ein Geschäft ist, riesig und milliardenschwer. Man redet von
> drei großen Zukunftsmärkten: Gesundheit, Wasser und Bildung - jeweils
> mit "Potentialen", die jenseits konventioneller Maßstäbe liegen. Die
> Unternehmensberatung Merrill Lynch bezifferte in einer Studie den
> weltweiten Bildungsmarkt der kommenden Jahre auf 2,2Billionen (2200
> Milliarden) Dollar jährlich - was immer die Grundlagen für diese
> Berechnung gewesen sein mögen. Jeff Fromm, der Präsident von
> KnowledgeQuest Ventures (USA), erklärte im Trade Convention Center von
> Vancouver, dass für diese Industrie in den Vereinigten Staaten schon
> jetzt 815Milliarden Dollar jährlich ausgegeben werden. Ronald
> Perkinson von der Weltbank berichtete, dass allein die 1,5Millionen
> Studenten, die im Ausland studieren, einen 27-Milliaden-Dollar Markt
> repräsentieren. Diesen Markt wollen und werden englischsprachige
> Produkte erobern.
>
> Englisch als Schrittmacher
>
> Der Langzeit-Trend zu Englisch als Unterrichtssprache der
> qualifizierten Bildungswege ist nicht das Problem, sondern dessen
> Rolle als Schrittmacher. Was die Kritiker schreckt, ist nicht die
> Vorlesung auf Englisch. Es ist die Kommerzialisierung der Bildung.
> Firmeneigene Universitäten und Online-Lernangebote setzen heute schon
> die öffentlichen Universitäten unter Konkurrenzdruck. Wenn erst die
> Ableger englischsprachiger Hochschulen mit Macht auf den europäischen
> Markt drängen, wird es möglicherweise vorbei sein mit der Universität,
> wie sie bislang verstanden wurde: als Ort des Lernens, Lehrens und
> Forschens. Ein irreales Szenario? Nein: Genau das könnte bald
> geschehen. Die Welthandelsorganisation (WTO) und das General Agreement
> on Trade and Services (GATS) wollen es jedenfalls so. Seit Februar
> 2000, insbesondere seit dem Abschluss der Bestandsaufnahmen 2001,
> sollen staatliche Barrieren für den internationalen Handel und den
> wirtschaftlichen Wettbewerb bei Dienstleistungen schrittweise
> abgeschafft werden. Und Bildungsangebote gelten als Dienstleistungen.
> Artikel VI des GATS soll durch einen "Notwendigkeitstest" ergänzt
> werden, der den Regierungen die Beweislast auferlegt, dass ihre
> Gesetze nicht handelsbeschränkend sein werden. Skeptiker befürchten,
> dass sich das auch auf die künftige Gesetzgebung zur "Dienstleistung"
> Hochschulbildung auswirken könnte.
>
> In Europa glaubt die Kultusbürokratie, mit Hilfe von
> Qualitätskontrollen und Zulassungszertifizierungen das GATS
> unterlaufen zu können - so wie etwa die USA das Freihandelsabkommen
> Nafta unter Hinweis auf angebliche Umweltschutzverletzungen
> kanadischer Firmen relativieren. Aber bei den Regierungen scheint
> fiskalisches und nicht kulturelles Interesse zu dominieren. Die WTO
> jedenfalls hat jetzt einen Fahrplan vorgegeben. Schon im Juli und
> Oktober 2001 tagen die ersten Vorbereitungsgruppen, im November 2001
> soll dann ein Ministertreffen der WTO-Mitgliedstaaten in Qatar die
> neue Verhandlungensrunde offiziell eröffnen. Die USA wollen bis zum
> Jahr 2002 Ergebnisse sehen.
>
> Und die Universitäten? "Die Loyalität zu traditionellen akademischen
> Werten wird nicht leicht fallen", sagt Philip Altbach, "aber die
> Kosten einer wachsenden Kommerzialisierung wären viel höher." Wenn man
> die akademische Welt zu m WTO-beherrschten Marktplatz mache,
> prophezeit er, "wird eine der wertvollsten Institutionen einer jeden
> Gesellschaft zerstört werden." Diese Sorge dürfe trotzdem nicht dazu
> führen, dass man gegen die Globalisierung Sturm laufe, warnt Altbach.
> Einige ihrer Folgen, etwa die erwähnte anglophone Zukunft der
> Hochschul- und Bildungswelt, sieht er sogar positiv: Englisch, vor
> allem in Verbindung mit dem Internet, mache die Kommunikation
> einfacher und schneller.
>
> Sprache der Bauern
>
> Nach dem Science Citation Index wurden etwa in Frankreich bereits 1990
> rund 70 Prozent aller wissenschaftlichen Arbeiten auf Englisch
> veröffentlicht, 1999 waren es 84 Prozent. Doch nicht alle sind von der
> neuen "Lingua franca" der Wissenschaft angetan. Die Universität von
> Kopenhagen warnte bereits 1995: "Die Tatsache, dass Englisch die
> internationale Sprache des Bildungssystems werden wird, darf nicht
> dazu führen, dass Dänisch die Sprache der Bauern wird." Aber selbst
> bei guten Englisch-Kenntnissen werden Wissenschaftler mit anderen
> Muttersprachen Probleme haben. "Ich glaube, wir überschätzen unsere
> Möglichkeit, tief in einer anderen Sprache zu denken", sagt Tove Bull,
> Rektorin der Universität von Tromsö.
>
> Hans-Herbert Holzamer
>
> Werden Studiengänge bald frei verkäuflich sein wie Fast Food? Für
> manche ist das eine Horrorvision. Aber es könnte die Folge
> multinationaler Abkommen sein, über die demnächst verhandelt wird.
>
> Fotos: AP, Sven Simon, Manfred Vollmer
>
> Montage: BuG
>
> Die Welthandelsorganisation WTO plant den nächsten großen Schritt in
> eine Zukunft der schrankenlos freien Märkte. Eine Neufassung des
> Handelsabkommens GATS soll den Transfer von Bildungsangeboten
> liberalisieren. Mögliche Folge: Das Recht der einzelnen Staaten,
> Standards für Ausbildungsabschlüsse vorzuschreiben, könnte
> eingeschränkt werden. Kritiker warnen vor einer Kommerzialisierung des
> Bildungswesens. Im November 2001 soll ein Ministertreffen in Qatar die
> Verhandlungen eröffnen.
>
> BILDUNG UND BERUF Samstag, 7. Juli 2001
>
> Bayern Seite V1/21 / Deutschland Seite V1/21 / München Seite V1/21
>
> Standpunkt (I)
>
> "Die reichen Länder werden
> die Bildung kontrollieren
> wie den Burger-Markt."
>
> Philip Altbach ist Lehrer am Center for International Higher Education
> des Boston Colleges. Die SZ befragte ihn zu den WTO-Plänen, das
> Bildungswesen zu liberalisieren.
>
> SZ: Herr Altbach, die WTO bereitet eine Übereinkunft aller Staaten
> vor, die sämtliche Barrieren gegen den freien Handel von
> Dienstleistungen verbieten will. Da Bildung eine Dienstleistung ist,
> wäre sie betroffen. Was halten Sie davon?
>
> Altbach: Die Nationen sollten in grundlegenden Dingen eine Kontrolle
> über ihr Bildungssystem behalten. Vor allem Entwicklungsländer müssen
> erst befähigt werden, ihre erzieherischen Bedürfnisse zu bestimmen.
> Wenn Bildung zu einem simplen Gebrauchsgut gemacht und normalem Handel
> unterworfen wird, dann werden die reichen Länder den Bildungsmarkt
> kontrollieren, so wie sie die Automobil-Industrie oder den
> Burger-Markt kontrollieren.
>
> SZ: Welche Produkte werden denn auf diesem so genannten Bildungsmarkt
> gehandelt? E-Learning auf CD-ROM und im Internet? Kurse an
> Hochschulen?
>
> Altbach: All das. Hier betätigen sich Verlage, Software- und
> IT-Firmen. Noch gehören die Universitäten nicht richtig dazu, aber es
> gibt Bestrebungen, sie zu einem Teil der Education-Industry zu machen.
> Schon jetzt kennt man etliche profitorientierte Institute, die
> versuchen, international zu sein.
>
> SZ: Ist das so schlimm? Vielfalt und Konkurrenz können doch belebend
> wirken.
>
> Altbach: Zum einen sind Bildungsgüter kein Fast Food. Sie sollten
> nicht unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden.
> Auch kann man nicht gerade von einem freien Spiel der Kräfte reden: In
> der Bildungsindustrie lässt sich eine immer stärkere Konzentration auf
> der Eigentümerseite feststellen - denken Sie nur an die
> Verlagslandschaft. Und schließlich wird die Souveränität der
> Regierungen berührt, wenn sie alles dem freien Markt überlassen
> sollen. Sie sollten auf jeden Fall das Recht der Anerkennung und
> Akkreditierung von Bildungsabschlüssen behalten. Und das heißt im
> konkreten Einzelfall auch: Exportversuche zurückweisen können.
>
> SZ: Haben die Länder der Dritten Welt diese Chance überhaupt?
>
> Altbach: Nicht wirklich. Und auf einem völlig liberalisierten
> Bildungsmarkt sicher noch viel weniger.
>
>
> WIRTSCHAFT Montag, 9. Juli 2001
>
> Bayern Seite 22 / Deutschland Seite 22 / München Seite 22
>
> Wirtschaftsliteratur
>
> Lohn der Liberalisierung
>
> Mögliche Effekte einer neuen WTO-Verhandlungsrunde
>
> HANS H. GLISMANN, DEAN SPINANGER: Handelsliberalisierung in der
>
> Millennium-Runde. Strategien und ihre Auswirkungen für Deutschland.
> Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2000. 137 Seiten, 94 DM.
>
> Den Überblick über Bücher und Aufsätze zu behalten, die sich mit der
> Uruguay-Runde des Gatt (General Agreement on Tarifs and Trade)
> befassen, ist fast nicht möglich. Im Mittelpunkt des seit Beendigung
> dieser so genannten Millenniumsrunde im Jahre 1994 erschienenen
> Schrifttums über Gatt und WTO (Welthandelsorganisation) stehen neben
> Kommentaren zum "alten Gatt" die neu in die WTO aufgenommenen
> Vereinbarungen. Gemeint ist das Gats (Dienstleistungshandel), das
> Trips (Schutz des geistigen Eigentums) oder die Problematik der
> Rückführung des Handels mit Textilien und Bekleidung in das Gatt, das
> heißt, die schrittweise Auflösung des Multifaserabkommens bis 2005.
> Hinzu kommen die Rückführung des Agrarhandels in das Gatt und andere
> mehrseitige Abkommen.
>
> Hans Glismann und Dean Spinanger haben ihrem Buch eine völlig andere
> Ausrichtung gegeben. Ihre Ausführungen beschränken sich auf die in der
> Uruguay- Runde errichteten bzw. tatsächlich umgesetzten Zollhöhen. Auf
> diesen Werten aufbauend, ist es das Ziel des Buches, "die im Zuge
> einer möglichen neuen WTO- Verhandlungsrunde zu erzielenden
> Liberalisierungseffekte abzuschätzen und wirtschaftspolitisch zu
> bewerten" (S. 95). Die Autoren wagen somit einen Blick in die Zukunft.
> Ausgangspunkt ist dabei die Erinnerung an die 1999 gescheiterte
> Ministerkonferenz in Seattle. Glismann und Spinanger erläutern, dass
> eine neue Verhandlungsrunde über den Abbau von Handelshemmnissen zwar
> allgemein gewünscht ist, aber z.B. die EU und die Apec auf völlig
> unterschiedliche Verhandlungsstrategien setzen. Die EU fordert eine
> "lineare Liberalisierungsrunde", die für alle Produktbereiche eine
> prozentual gleiche (lineare) Liberalisierung erreichen soll. Im
> Gegensatz dazu schlagen die Apec- Staaten eine "sektoral
> differenzierte Liberalisierung" vor. Ein nachhaltiger Zollabbau würde
> dann nur bei einem Teil aller Produkte vorgenommen.
>
> Die Autoren wägen diese beiden Methoden gegeneinander ab. Das von
> Glismann und Spinanger mit Hilfe eines partialanalytischen und eines
> gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtsmodell hergeleitete Ergebnis wird
> auf ihre Auswirkungen für Deutschland übertragen.
>
> Nachdem die Autoren die Unterschiede der in der Uruguay-Runde
> vereinbarten Zollhöhen mit den "Post-Uruguay-Zöllen" aufgezeigt haben,
> vergleichen sie die Zollhöhen der wesentlichen Industrieländer
> untereinander und in Abgrenzung zu den Entwicklungsländern. Bei
> letzteren liegen die durchschnittlichen Zölle etwa sechsmal so hoch
> wie bei den Industrieländern. "Spiegelbildlich ergibt sich, dass die
> Zölle, mit denen die Exporteure aus den einzelnen Regionen zu rechnen
> haben, für hoch entwickelte Länder relativ hoch sind" (S. 2). Dies
> gilt auch für Deutschland. So stellen die Autoren fest, dass weitere
> Zollsenkungen in industrialisierten Ländern weniger Vorteile mit sich
> bringen als Zollsenkungen vergangener Zollrunden. Ganz anders dagegen
> sieht es für die Exporteure, so z.B. die EU allgemein, oder auch
> Deutschland allein aus: Für sie ist es wichtig, auf einen weiteren
> Zollabbau zu dringen.
>
> Das in sechs Hauptteile gegliederte Buch untersucht somit die
> Auswirkungen weiterer Liberalisierungen auf Produktion, Beschäftigung
> und Wohlfahrt. Nicht überraschend für Glismann und Spinanger ist,
> "dass ein prozentual definierter linearer Zollabbau größere
> gesamtwirtschaftliche Erträge mit sich bringt als ein sektoraler
> Zollabbau um den gleichen Prozentsatz" (S. 102). Schließlich erfasst
> die "Apec-Strategie" ja auch nur einen Teil der Sektoren.
>
> Als Staubfänger zu schade
>
> Den Autoren gelingt es, Theorie, Empirie und Praxis zu verknüpfen. Sie
> belassen es nicht bei Plattitüden, sondern geben den Vertretern der
> Bundesrepublik für die nächsten Verhandlungsrunden konkrete Ratschläge
> mit auf den Weg. Als wesentlicher Einwand gegen den sektoralen
> Zollabbau à la Apec wird das niedrige maximal erreichbare Ausmaß der
> Liberalisierung gesehen. Insgesamt aber ist ein lediglich sektoraler
> Zollabbau ein Rückschritt auf dem Weg, der von allen Ländern
> angestrebt werden muss: Ein möglichst freier Welthandel.Die Thematik
> des Buches mag manchem trocken erscheinen, aber sie zeigt, wie komplex
> die Probleme der Handelsliberalisierung sind. Dieses Buch sollte nicht
> in Regalen verstauben, sondern genutzt werden.
>
> Indira Gurbaxani
>
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